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Gesundheitsförderung statt Schulfrust

Ärztekammer Nordrhein und AOK Rheinland legen Zwischenbericht über Gesundheitsprojekt an Primarschulen in ganz Nordrhein vor

von Andrea Icks und Sabine Schindler-Marlow

In der Imbissbude gegenüber der Barbara-Schule in Neuss gibt es seit Mai den "Barbaraburger". Die erste Klasse der Grundschule hat diesen Imbiss aus einem Vollkornbrötchen mit Salat, Gurke, Tomate und Käse entwickelt. Der "Barbaraburger" steht bei den Schülern wie auch bei anderen Kunden hoch im Kurs.

Erfunden haben ihn die Schulkinder während einer Projektwoche, die sich zum Beispiel mit dem Nahrungsmittelkreis beschäftigte. Weiter wurden ein internationales Kochbuch für die Schule erstellt, Nahrung herstellende und verarbeitende Betriebe besichtigt, und ein gesundes Pausenfrühstück wurde fest ins Schulprogramm geschrieben. Bei einem Elternabend an der Schule, die von einem freien Anbieter geführt wird, hatte die "Patenärztin" des Projektes über das Thema "Die gesunde Ernährung unserer Kinder" informiert.

Das Beispiel zeigt: Die Schule eignet sich sehr gut, um Grundlagen für gesundheitsbewusstes Verhalten zu legen. Und das gilt nicht nur für die Schüler, sondern auch für deren Eltern sowie die Lehrer und anderen Mitarbeiter in der Schule und um die Schule herum. Mit ihrem gemeinsamen Projekt "Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung in der Primarstufe" initiieren Ärztekammer Nordrhein (ÄkNo) und AOK Rheinland solche Prozesse. Sie bewegen zahlreiche Schulen, Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten Gesundheitsförderung zu praktizieren und auch im Schulprogramm zu verankern.

Erste Ergebnisse
Zu Beginn des Projekts, das zunächst von der Ärztekammer gestartet worden war, formulierten die teilnehmenden Schulen in 26 Regionen im Rheinland ihre Ziele auf Planungsbögen, ein Jahr nach Projektbeginn befragte die ÄkNo alle am Projekt teilnehmenden Schulen und Patenärzte aus dem ersten Jahr.

Ziel war es, genauere Informationen über den Stand der Umsetzung von Kooperationen zwischen Lehrern und Ärzteteams, über schulische Aktivitäten sowie die Akzeptanz des Projektes zu erhalten. In die erste Befragung gingen Daten aus 23 Regionen ein. Für 3 weitere Regionen (Köln, Mettmann und Heinsberg) gelten besondere Projektbedingungen, die später berichtet werden. Befragt wurden 149 Schulen und 110 Ärztinnen und Ärzte. Der Fragebogenrücklauf entsprach bei den Schulen 78 Prozent, bei den Ärzten 76 Prozent.

Die teilnehmenden Schulen zeigten im Hinblick auf ihre Schüler eine große Bandbreite. Die Schülerzahl reichte bei den rückmeldenden Schulen von 80 bis 460, der Anteil der ausländischen Kinder von 0 bis 87 Prozent. 63 Schulen gaben an, auch schon vor der Einführung des Projektes gesundheitsförderlich aktiv gewesen zu sein, was 54 Prozent der rückmeldenden Schulen entspricht. Der Anteil der am Projekt teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer innerhalb des Kollegiums betrug im Mittel 47 Prozent.

Insgesamt fanden im Schuljahr 2002/2003 in 86 Schulen die gesundheitsförderlichen Aktivitäten in Zusammenarbeit mit dem Patenarzt oder der Patenärztin statt. In rund 30 weiteren Patenschaften wurden die gesundheitsförderlichen Aktivitäten auf das zweite Projektjahr verschoben und gingen nicht in die weitere Beobachtung mit ein.

In rund 30 weiteren Schulen wurde das Projekt ohne Einbeziehung von Ärztinnen und Ärzten durchgeführt. Im Rahmen der Patenschaften mit aktiver Kooperation im Schuljahr 2003/2004 fanden 63 Elternabende, 42 von Ärztinnen oder Ärzten begleitete Unterrichtsaktivitäten (einschließlich Projekttagen und Projektwochen) und in 6 Patenschaften ausserunterrichtliche Aktivitäten (zum Beispiel Praxisbesuch) statt. In vielen Kooperationen wurden mehrere Aktivitätsformen gewählt.

Bewegungsmangel größtes Problem
Schon bei der Auswertung der zu Beginn des Schuljahres erarbeiteten Planungsbögen der teilnehmenden Schulen, in denen Ziele und Hintergründe für die Projektteilnahme definiert wurden, wurde deutlich, dass das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Kindern als größtes Problem von schulischer Seite aus bewertet wurde.

So gaben die Lehrer an, dass Kinder immer häufiger ohne Schulfrühstück oder mit unzureichendem Frühstück in die Schule kämen, an beginnendem Übergewicht litten und im Bereich des Bewegungsverhaltens vor allem bei der Koordination und im Ausdauerbereich Mängel zeigten. Auch in den Fortbildungen wurde die Dringlichkeit dieser Themen deutlich: vor allem wurden die Themenfelder "Bewegungspausen", "Förderung der Körperwahrnehmung" und "Entspannung" nachgefragt.

Insgesamt haben 40 Schulen im Schuljahr 2002/2003 das Thema Bewegung und 37 das Thema Ernährung aufgegriffen (siehe Abbildung xxxxxx). Sie haben Bewegungs- und Entspannungspausen in den Schulalltag integriert und für die Aufnahme eines regelmäßigen gesunden Schulfrühstückes als Sprungbrett in den Tag gesorgt.

Im Rahmen der Themenbereiche "Der menschliche Körper" und "Sexualerziehung" kam es zu den meisten Arztbesuchen in der Schule, während die Themen "Bewegung und Entspannung" und "Essen und Ernährung" vor allem von den Patenärztinnen und -ärzten auf Elternabenden thematisiert wurden. Das Thema "Suchtprävention" nahm im Schuljahr 2002/2003 eine Randstellung ein, da Materialien und Fortbildungen erst gegen Ende des letzten Schuljahres 2003 angeboten wurden.

Fortbildung und Austausch gefragt
Kammer und AOK luden im Schuljahr 2002/2003 insgesamt zu 15 Lehrerfortbildungen ein, an denen 271 Lehrerinnen und Lehrer aus 130 Schulen teilnahmen. Im gleichen Zeitraum wurden 6 Ärztefortbildungen angeboten, an denen 171 Ärztinnen und Ärzte teilnahmen. Die Lehrer-Ärzteteams wurden in allen Regionen gemeinsam zu einer Einführungsveranstaltung sowie gegen Ende des Schuljahres zu einer Projektbesprechung eingeladen. Hier wurden vor allem Vorschläge zur Weiterentwicklung und Intensivierung des Projektes erarbeitet, die im Schwerpunkt zu drei Punkten zusammengefasst werden können:

  • Aufbau eines Netzwerkes der beteiligten Schulen über das Internet
  • Engere Begleitung der Schulen vor Ort durch Arbeitsgruppentreffen
  • Stärkere Motivation der Eltern zur Teilnahme und Unterstützung der gesundheitsförderlichen

Aktivitäten in und für die Schule.

Kooperation sinnvoll und gewünscht
73 Ärzte und 74 Schulen äußerten sich zur Bewertung der Kooperation (siehe Abbildung 2). Im Mittel bewerteten die Ärzte die Kooperation mit den Schulen mit der Schulnote 1,9. Die Schulen vergaben für die Kooperation mit den Ärzten im Mittel die Note 1,7. 87 Prozent der Schulen bezeichneten die Kooperation mit den Patenärzten als hilfreich, vor allem bei der Gestaltung der Elternabende und bei der fachlichen Beratung zur Unterrichtsvorbereitung.

Rund 90 Prozent der teilnehmenden Schulen im Projektjahr 2002/2003 haben das Projekt und die Patenschaften mit ihren Ärzten um ein weiteres Jahr verlängert, um die Zusammenarbeit in gesundheitsförderlichen Themen zu intensivieren. 40 Schulen gaben an, das Projekt institutionalisiert zu haben, entsprechend 40 Prozent der 101 Schulen, die sich zu dieser Frage äußerten. Am häufigsten erfolgte die Institutionalisierung in Form der Aufnahme des Projekts in das Schulprogramm.

Ausblick
Die Finanzierung und Ausgestaltung des Projektes basiert auf der Grundlage des § 20 Absatz 1 und 2 SGB V. Die Spitzenverbände der Krankenkassen haben gemeinsame Handlungsfelder und Kriterien zur Umsetzung des Paragraphen 20 erarbeitet, aus denen hervorgeht, dass sich das "Setting" Schule dazu eignet, die gesundheitliche Situation der Kinder nachhaltig zu verbessern. Eine Fortführung und Weiterentwicklung unter den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen wird daher von allen Projektpartnern befürwortet. Für das laufende Schuljahr sind neben den bestehenden Projekteinheiten folgende Maßnahmen geplant:

  • 2-jährige wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Bielefeld, Forschungsgruppe Professor Dr. Klaus Hurrelmann
  • Aufbau einer Internetplattform für die Projektteilnehmer
  • Herausgabe einer projektbegleitenden Zeitschrift, vor allem auch für die Eltern der Schüler
  • Initiierung von regionalen Arbeitskreisen für die Projektschulen in enger Anbindung und Abstimmung an bestehende regionale Aktivitäten anderer Institutionen
  • Weiterführung der Kooperation mit der Sporthochschule Köln

Weitere Ergebnisse aus der Zwischenbilanz werden in den nächsten Ausgaben des Rheinischen Ärzteblattes veröffentlicht. Über das Internetangebot der Ärztekammer Nordrhein www.aekno.de kann ab Januar der ausführliche Zwischenbericht abgerufen werden.

Weiterführende Informationen:
www.aekno.de

Abbildung 1: In den Grundschulen behandelte Themen

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